Simone, möchtest du zunächst etwas über dich erzählen?

Sehr gern. Mein Name ist Simone Spicale, ich bin 52 Jahre alt. Beruflich habe ich einiges erlebt:

Der rote Faden in meinem Leben, also wenn es den gibt, macht der eine eher kunstvolle Figur: Germanistin, Altphilologin, Kosmetikerin, Meditationslehrerin, heute nochmal Studentin im Fach Soziale Arbeit. Das Wesentliche passt aber in keinen Fragebogen: Die liebevolle Förderung meines Sohnes und seine intensivmedizinische Pflege zu Hause stand auf Grund der Schwere seiner körperlichen Behinderung 23 Jahre lang – neben meiner Selbstständigkeit im Bereich Medizinkosmetik mit eigener Praxis – immer im Mittelpunkt meiner Tätigkeit.

Hut ab für diese Leistung! Du hast einiges beruflich in deinem Leben gemacht, wie kommt es, dass du nun Soziale Arbeit studierst? Hast du einen Beruf vor Augen, den du gerne noch ausüben möchtest?

Ich möchte nützlich sein, meinen Beitrag leisten. Soziale Arbeit ist auch deshalb so wichtig, weil sie den gesellschaftlichen Frieden im Land sichert. Mein Interesse an diesem Berufsfeld verdanke ich den bedrückenden Erfahrungen, die ich durch meinen Sohn gemacht habe. Ich bekommen täglich hautnah zu spüren, was es bedeuten kann, vom sozialen Leben ausgeschlossen zu sein und ein Leben in einer Sonderwelt führen zu müssen. Ich hasse Ungerechtigkeiten – und es sind nicht nur Menschen mit Behinderung, die in unserem Land zunehmend von Ungerechtigkeit, Armut und Exklusion bedroht sind. Jetzt, nachdem mein Sohn nicht mehr bei mir lebt, orientiere ich mich neu und habe meine Richtig gefunden.

Politisch und beruflich ist mein Thema die soziale Ungerechtigkeit. Das Berufsfeld in der Sozialen Arbeit ist ja riesengroß, darum möchte ich mich nicht zu früh festlegen. Mein Interesse gilt aber, soweit ich das jetzt schon absehen kann, der Arbeit im Hospiz. Ich begreife Sterben als wichtigen Teil des Lebens und die letzte Wegstrecke bis zum Tod kann nicht nur eine Last, sondern auch Erfüllung sein. Jedenfalls gehört sie zur Fülle des menschlichen Lebens und sollte einen wichtigen Raum einnehmen, auch in unserem Gesundheitssystem.

Danke für diese offene und ausführliche Antwort. Mich persönlich berührt das, was du sagst sehr. Ich glaube daher kann man ahnen, aus welchem Grund du dich auch trotz der Menge an Aufgaben außerdem politisch engagierst. Wie sieht denn deine politische Laufbahn aus?

Ich bin seit 2019 Mitglied der Grünen, aktuell Mitglied im Kreistag des Rhein-Erft-Kreises und dort die gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion. Außerdem bin ich Sachkundige Bürgerin im Landschaftsverband Rheinland, dort im Inklusionsausschuss und im Beirat für Inklusion und Menschenrechte. Nebenbei bleibt fast keine Zeit mehr für mein Engagement bei INTENSIVKINDER Zuhause e.V. und PG Weilerswist e.V. Europa näherbringen als Vorstandsmitglied. Ich kandidiere bei der Landtagswahl als Direktkandidatin im Wahlbezirk REK III.

Magst du uns etwas darüber erzählen, was die ehrenamtlichen Organisationen in denen du tätig bist genau machen?

Als ich den Verein „INTENSIVKINDER zu Hause e.V.“ mit gegründet habe, war ich persönlich in einer sehr verzweifelten Situation. Mein Sohn war überhaupt erst das zweite Kind, das die Kinderklinik der Uni Köln vollbeatmet nach Hause entlassen hat. Man hatte uns dort sehr eindringlich vor der Verantwortung und auch der Belastung gewarnt: Ein Kleinkind zuhause zu beatmen und zu pflegen ist eine große Aufgabe. Ich war damals 29 Jahre alt und kannte niemanden, der zu Hause ein solches Leben führte und aushielt. Also begab ich mich mühsam auf die Suche… Die Geschichte sprengt den

Rahmen eines Interviews. Jedenfalls wurde ich nach und nach fündig, konnte mit anderen betroffenen Eltern (zunächst waren es ausschließlich Mütter) telefonieren und irgendwann gab es ein erstes Treffen in Offenbach. Diesen Tag werde ich nie vergessen: So viele Menschen, etwa zwanzig in einem Raum, die alle mit einer individuellen Kinderintensivstation zu Hause lebten, meine Sorgen, Ängste und Hoffnungen teilten. Es war ein sonniger Tag im Frühling. Wir alle verstanden uns ohne Worte. Es war überwältigend für mich. Heute sind wir längst ein eingetragener Verein, der sich bundesweit organisiert hat und professionell unterstützt wird von Pädiatern, Intensivmedizinern und Sozialarbeitern.

Dem Verein „PG Weilerswist e.V. Europa näher bringen“ bin ich seit den Europawahlen 2019 herzlich verbunden. Ein Freund von mir hatte in Weilerswist im Rahmen der Kampagne des Europaparlaments „Diesmal wähle ich“ einen parteiübergreifenden Infostand gegründet. Einige der Gespräche, die wir an diesem Stand führten, haben mich damals erschüttert. Ich hatte das erste Mal die Gelegenheit, dem Shitstorm nicht im Netz, sondern in Fleisch und Blut zu begegnen: Hass auf die europäische Bürokratie, Hass auf Flüchtlinge, Klimawandelleugner, das ganze Programm. Da ich damals noch plante, bald nach Weilerswist zu ziehen, schien mit diese Vereinsarbeit wichtig und sinnvoll. Inzwischen lebe ich in Brühl und habe mich aus Aktivitäten in Weilerswist eher zurückgezogen.

Wir wollen natürlich noch mehr von dir erfahren. Wenn du mal schlechte Laune hast, welches Lied macht dir dann immer gute Laune?

Pink – Just Like A Pill

Und wie würde der Name deiner Autobiographie lauten?

Kämpferherz

Das finde ich allein durch deine Erzählungen sehr passend! Wenn du dich mit der Tierwelt vergleichst, welches Tier wärst du und warum?

Eine Katze, denn die Katze ist das politischste Tier von allen: Sie ist nicht unterwürfig, sehr autonom und darüber hinaus zielstrebig. Und sie handelt entsprechend ihrer eigenen Urteilskraft.

Ich bedanke mich schonmal für deine sehr ausführlichen Antworten und das Teilen so vieler privaten Themen. Ich denke hiermit können sich alle ein sehr gutes Bild von dir machen. Kommen wir daher zur letzten Frage: Wie lautet dein Lieblingszitat?

Derzeit ist es ein Satz von Voltaire: „Gesellschaftlich ist kaum etwas so erfolgreich wie Dummheit mit guten Manieren.“